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Das Mädelchen und der Kritiker
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Alle meine Rezensionen ansehen Rezension bezieht sich auf: Wozu lesen? CD (Audio CD) Elke Heidenreich und Marcel Reich-Ranicki haben sich 2005 bei einer Abendveranstaltung im Rahmen der Lit Cologne getroffen, um über Literatur zu reden. Nun ist das Thema Bücher an sich schon interessant, aber mit diesen beiden Menschen, die von Wortwitz, Schlagfertigkeit, großer Ernsthaftigkeit und Kompetenz nur so strotzen, wird das Gespräch über Bücher ein besonderes Vergnügen.
Sie fabulieren über ihre Lieblingsbücher, diskutieren über die Auswahl von Reich-Ranickis Kanons über Romane, Gedichte und Essays, bewerten Autoren und überlegen gemeinsam, welches der richtige Weg ist, Menschen zum Lesen zu ermutigen. Dazu kommt noch der Hintergrund, vor dem beide sich mit dem beschäftigen, was sie tun.
Beide sind auf ihre Art Machtmenschen, beide verstehen es, sich glänzend in Szene zu setzen, beide schenken sich nichts und dennoch zeugt das ganze Gespräch von großem gegenseitigem Respekt. Man kann von den Personen, von der Qualität ihrer Urteile über Bücher, von dieser Art Werbung für das Lesen halten, was man will, wenn man sich fesseln lässt von dieser Art der Vermarktung, erlebt man gute Unterhaltung.
Das Wunderbare an diesem Gespräch ist, dass keiner sich zu Lasten des anderen in Szene setzen kann, sie brillieren darin, sich immer wieder gegenseitig das Schäufelchen zu klauen und dann doch wieder dem je anderen hinzuschieben. Im Gegensatz zu dem sehr durch Reich-Ranicki dominierten literarischen Quartett treffen hier zwei Meister des Gespräches aufeinander, die sich nichts, aber wirklich nichts schenken und doch lustvoll alles überlassen.
Beispielsweise hat er sie in einem bestimmten Kontext "Mädelchen" genannt und sie weist ihn darauf hin, dass sie inzwischen 62 Jahre alt ist. In einem anderen Zusammenhang viel später erzählt sie, dass sie einfach nicht erwartet hat, dass sie mit ihrer Sendung so viel bewegt auf dem Büchermarkt und gleichzeitig so kritisch beäugt und angegangen wird. Er kommentiert das Letztere mit: "Sehen Sie, deshalb nenne ich Sie Mädelchen."
Und mit allem Flachs, den sie sich zuschieben, kommt auch viel von der Geschichte der beiden zum Vorschein, ist das Ganze kein Slapstick, sondern wir werden Zeuge davon, dass sie sich kennen lernen, richtig kennen lernen.
Letztlich reagieren beide, wie man es von ihnen erwartet, und doch gibt es immer wieder überraschende Schlenker und Wandlungen, thematischer wie atmosphärischer Natur. Und am Ende wünscht man sich mehr davon, viel mehr.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 27. August 2005 |