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Bestimmung

Beschreibung:  Ein Gedicht von Maria Janitschek
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ISBN: 3423123974   ISBN: 3423123974   ISBN: 3423123974   ISBN: 3423123974 
 
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Bestimmung

Ein Felsen starrt zum Himmel wild und nackt,
zerfurcht, zerrissen, fahl, wie schartig Eisen,
an dem der Sommer sich verbluten muß.

Kaum daß in seinen schmalen Ritzen sich
der Schnee anklammern kann mit steifem Trotz,
der weiße, kalte, stille, tote Schnee,
das Leichentuch, das herb die Ewigkeit
um ihres stummen Sohnes Leib geschlungen.

O diese Ewigkeit mit ihrem Zwang
ins Große, ins Empfindungslose, Starre,
darin in purpurnem Geheimnisdunkel
die Gottheit brütet!

Reglos stand der Wächter
der Erde da und sah in grimmen Schweigen
die eigne kalte Unvergänglichkeit
indes zu seinen Füßen bunt die Zeit
in holdem Wechselspiele froh dahinzog.
Er sah das kleine Blühn des Lenzes, alle
die goldnen Schmetterlinge, Menschen, Blumen,
die ihres Mais sich freuten, sah die Quellen,
die munter sprangen; und in seine Stille
drang jubelnder Gesang der Wälder, drang
des Meeres majestätischer Choral,
der Winde leises Kichern ... Und der alte
ergraute Sohn der dunklen Zwingerin,
der finstern Ewigkeit, erglühte heiß
vor Sehnsucht nach dem bunten Blumenleben,
vor Sehnsucht nach des Lenzes weicher Thorheit,
den goldnen Vögeln, der Musik, den Menschen,
den schönen, lichten Menschen.
»Kommt zu mir!«
verkündete die rosenrote Glorie,
die von der Sonne er sich lieh, zu locken
die Warmersehnten. Doch kein Einziger
vermochte auf zu ihm.
Er war zu hoch
zu unerreichbar für die Menschenkinder.

»So will ich denn mich unter eure Fersen
hinbreiten, daß ihr wandelnd euern Fuß
auf meinen Nacken setzt«.

Und donnernd, daß
die Erde bebte, stürzte er zusammen ...

Da aber fuhr im Wirbelsturm herbei
Jehova, und er blies mit zornigen Nüstern
in dieses Phönix Asche.

Himmelan
erheben Wolken aufgescheuchten Schuttes
sich brausend, daß die Sonne sich verfinstert,
und hinter ihnen treibt mit Flammenruten
der eifersüchtige Gott.

»Fort aus dem Thal,
hinauf, hinauf!«
Auf gelben weiten Flügeln
hinrasen die Atome des Gestürzten
den Sternen wieder zu ...

»O Mai! du sanfter,
glückseliger Mai dort unten!« ...
  
Deutsche Lyrik vom Barock bis zur Gegenwart
von Gerhard Hay,
Sibylle von Steinsdorff
Siehe auch:
Einführung in die Gedichtanalyse
Anatol / Anatols Größenwahn / Der grüne Kakadu
Arbeitstechniken Literaturwissenschaft
Deutsche Lyrik: Eine Anthologie (suhrkamp tas...
Geschichte der deutschen Lyrik: Eine ei...
Der kleine Herr Friedemann. Schmuckausgabe
 
   
 
     

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